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Carmen Bauer


Bundesland: Hessen
Profil: Carmen Bauer
Gründerin
Café Zeitlos


„Die Idee, ein Café zu eröffnen, kam mir spontan wie eine Eingebung und als mein Businessplan gezeigt hat, dass das klappen könnte, habe ich mich sofort an die Gründung gemacht“


Carmen Bauer gründete Ende 2008 im Alter von 46 Jahren im hessischen Schotten das „Café Zeitlos“ / Mit ihrem Sinn für guten Service und einem Angebot, das auch in Zeiten der Wirtschaftskrise den Gästen keinen zu tiefen Griff ins Portemonnaie abverlangt, hat sie auf Anhieb Erfolg

Verschnaufpausen haben für Carmen Bauer im Moment eher Seltenheitswert. Seit sie im Dezember 2008 in der Stadtmitte von Schotten, einem idyllischen Luftkurort im Naturpark Hoher Vogelsberg, ihr „Café Zeitlos“ eröffnet hat, ist sie rund um die Uhr im Einsatz. „In den ersten Wochen haben mir die Leute wirklich die Bude eingerannt, jetzt normalisiert sich der Betrieb langsam, aber es gibt eigentlich immer etwas zu tun“, erzählt die muntere Gastronomin. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend und man versteht sofort, warum sich ihre Gäste in dem 80-Quadratmeter-Café in der Innenstadt von Schotten, zentral zwischen Rathaus und Kirche gelegen, so wohl fühlen.

Carmen Bauer gehört zu den Frauen, die richtig anpacken – erst recht, wenn es hart auf hart kommt. Dass sie mit 46 Jahren noch ein Café aufbauen würde, hätte sie sich ein Jahr zuvor noch nicht vorstellen können. „Ich war seit zehn Jahren Hausfrau, habe mich um meine beiden Töchter gekümmert und mit kleineren Nebenjobs zum Familieneinkommen beigetragen“, sagt die Gründerin. Dann, im Februar 2008, trifft die Familie ein Schicksalsschlag. Unerwartet verstirbt Carmen Bauers Ehemann und die Familie steht von heute auf morgen vor der großen Frage, wie das Leben künftig weitergehen soll. „Plötzlich war ich mit der Herausforderung konfrontiert, nun die alleinige Ernährerin der Familie zu sein“, stellt die Café-Betreiberin nüchtern fest. In Schotten und der näheren Umgebung sieht sie wenig Möglichkeiten, eine geeignete Arbeit zu finden, mit der sich der Lebensunterhalt bestreiten lässt. Und wirkliche Lust, in ihren gelernten Beruf als Altenpflegerin zurückzukehren, verspürt sie auch nicht. „Die Arbeitsbedingungen in der Pflege haben sich in den letzten Jahren so drastisch verschlechtert, und nach dem Tod meines Mannes brauchte ich unbedingt etwas Positives um mich herum“, erzählt die engagierte Schottenerin. Eine Lösung für das Dilemma zeichnet sich auf eher ungewöhnlichem Wege ab. Eines Tages sitzt Carmen Bauer mit ihrer Schwester und den Töchtern in einem Café in Fulda, lässt die Gedanken schweifen und hat eine zündende Idee. „Das war ganz merkwürdig, fast wie eine Eingebung. Ich wusste plötzlich ganz klar, dass ich unbedingt in Schotten ein Café aufmachen möchte“, sagt die Unternehmerin.

Mit guten Ideen lässt sich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten etwas auf die Beine stellen
Zurück in Schotten, spaziert Carmen Bauer durch die Stadt und findet sofort ihre Wunschimmobilie. Sie bewirbt sich als Mieterin und bekommt einige Wochen später den Zuschlag. „Viele Leute haben mich für verrückt erklärt, denn Schotten hat nur 4.000 Einwohner, und es gibt hier schon drei Cafés“, erzählt die Gründerin und lacht. Doch sie hat ein genaues Bild vor Augen, wie ihr Café einmal aussehen soll und warum es für die Schottener und die Einwohner der Nachbargemeinden ein Anziehungspunkt werden kann: „Ich wollte einen Ort schaffen, der für alle Altersgruppen interessant ist, an dem sich Jung und Alt begegnen.“ Die Gastronomie ist für die 46-Jährige kein völlig neues Terrain, denn als junge Frau betrieb sie bereits mit ihrem damaligen Lebensgefährten acht Jahre lang eine Gaststätte. Deshalb weiß sie auch, worauf es ankommt, um Gäste zufriedenzustellen: „Ein Café braucht Atmosphäre und muss so etwas wie Echtheit vermitteln. Ich bin sehr offen, spreche gerne mit den Menschen und kann gut auf Leute zugehen.“

Durch ihre Mitarbeit in der Kommunalpolitik und im Kirchenvorstand weiß sie, wie die Schottener ticken, und hat über die Jahre immer wieder mitbekommen, dass viele Einwohner sich einen gemütlichen Treffpunkt wünschen. Aber reichen diese Wünsche potenzieller Kunden und der Elan der Gründerin auch, dass sich ein solches Unterfangen finanziell trägt? Wo doch die Konkurrenz gleich um die Ecke ist und noch dazu die Zeiten in wirtschaftlicher Hinsicht für viele Menschen nicht leicht sind? „Gegessen und getrunken wird immer“, denkt Carmen Bauer und schneidert ihr Angebot auf diese Herausforderungen, die sie klar sieht, zu. Kleine Snacks, Toasts und Überbackenes, leckere Frühstücke, günstige Suppen zur Mittagszeit – sie will ein Angebot machen, das zu allen Altersgruppen und jedem Geldbeutel passt. „Ich sehe das so: Gerade weil die Zeiten schwierig sind und viele Menschen sich nur noch wenig leisten können, gönnen sie sich Kleinigkeiten und versuchen, sich im Alltag kleine Oasen zu schaffen“, meint die Gründerin.

Kalkuliertes Risiko – Umfassende Beratung hilft dabei, dass der Start ein Erfolg wird
An unternehmerischen Vorbildern mangelt es Carmen Bauer nicht, als sie sich daran macht, ihre Gründung vorzubereiten. Als Kind hat sie miterlebt, wie der Vater ein eigenes Bauunternehmen aufgebaut hat, das später von ihrer älteren Schwester übernommen wurde: „Meine Macherqualitäten haben mit dieser Umgebung sicherlich einiges zu tun, denn wir sind damit aufgewachsen, dass man, wenn man etwas anpackt, auch weiter kommt.“ Andererseits weiß die Café-Inhaberin auch um die Schattenseiten der Selbstständigkeit, beispielsweise, dass das bestgeführte Unternehmen auch in brenzlige Situationen kommen kann, wenn die Kunden trotz erbrachter Leistungen nicht zahlen. „Mit meinem Konzept habe ich es da einfacher, denn bei mir zahlen die Gäste sofort“, sagt sie und lacht.

Damit ihre Geschäftsidee auf einem sicheren Fundament steht, besucht Carmen Bauer ein einwöchiges Gründerseminar bei der regionalen Wirtschaftsförderung Vogelsberg Consult, lässt sich bei der Arbeitsagentur beraten und stellt einen Businessplan auf. Die Rentabilitätsberechnung zeigt ihr schnell, dass die Rechnung aufgehen kann: „Bei der Entwicklung der Speisekarte habe ich wert darauf gelegt, möglichst wenig schnellverderbliche Waren zu verarbeiten, denn auf dieser Basis lässt sich besser kalkulieren. Und alles, was ich brauche, beziehe ich günstig von Lieferanten vor Ort, das erleichtert zudem die Einkaufslogistik.“ Da sie früher für das Bauunternehmen ihres Vaters das Rechnungswesen machte, hat sie ihre Zahlen im Griff. Zwar lässt sie, da der Café-Betrieb sie voll in Anspruch nimmt, die Buchhaltung extern erledigen, ist aber immer auf dem Laufenden: „Meine Zahlen muss ich kennen, denn als Unternehmerin ist es wichtig, dass man die laufende Geschäftsentwicklung immer im Auge hat.“

Die bundesweite gründerinnenagentur als einziges bundesweites Service- und Kompetenzzentrum zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen über alle Branchen und Phasen der Existenzgründung und des Unternehmensausbaus versteht sich als erste Anlaufstelle für Frauen, die sich mit dem Gedanken an eine Selbstständigkeit tragen. Gerade für Frauen in der Lebensmitte kann die Gründung eines eigenen Unternehmens eine hervorragende Möglichkeit darstellen, ihre im bisherigen Berufsleben erworbenen Qualifikationen erfolgreich einzubringen, denn dieses langjährige fachliche Know-how und die damit verbundenen Branchenkenntnisse bilden eine gute Basis für die Selbstständigkeit“, so Iris Kronenbitter, Projektleiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga).

Ein Bausparvertrag macht die Finanzierung möglich
Die Renovierung und Einrichtung des Cafés kann Carmen Bauer aus eigenen Mitteln bestreiten. Gemeinsam mit ihren beiden Töchtern, die von der Gründungsidee der Mutter hellauf begeistert sind, beschließt sie, den gerade fällig gewordenen Bausparvertrag in das Unternehmen zu investieren. „Ursprünglich wollten wir davon unsere zwanzig Jahre alte Küche durch eine neue ersetzen und ein paar Reparaturen am Haus machen, aber wir hatten alle ein gutes Gefühl dabei, das Geld lieber in das Café zu stecken“, erzählt die Gründerin. Bei den Renovierungsarbeiten stehen Freunde und Bekannte der 46-Jährigen tatkräftig zur Seite. Bei der Inneneinrichtung setzt die Gastronomin auf eine helle, freundliche Atmosphäre und Möbel im Kolonialstil, mischt Altes und Neues und setzt mit Funden vom Flohmarkt besondere Akzente. Für die jugendliche Klientel ist ein eigener Bereich im Café reserviert, der mit modernen Möbeln ausgestattet wird, die dem Geschmack der Zielgruppe entsprechen.

Viele Gründungen erfordern vor allem in der Anlaufphase größere Investitionen. Die bundesweite gründerinnenagentur verfügt über ein Netzwerk von rund 1.700 Expertinnen und Experten aus Gründungsberatung und -förderung, die angehende Unternehmerinnen dabei unterstützen, eine für sie passgenaue Finanzierung ihres Gründungsvorhabens zu realisieren und in Frage kommende Förderprogramme zu eruieren“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.

Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda sorgen zur Eröffnung für den großen Ansturm
In einem 4.000-Seelen-Ort spricht sich eine Neueröffnung natürlich schnell herum, und so herrscht im Café Zeitlos, als es im Dezember 2008 den Betrieb aufnimmt, reger Andrang. Auf den Reiz des Neuen allein möchte Carmen Bauer sich allerdings nicht verlassen. Sie schaltet Anzeigen in der Regionalzeitung, verteilt Flugblätter an den touristischen Ausflugszielen der Region und kooperiert bei der Werbung mit Hotels in der Umgebung. „Wow, so ein tolles Café, und das in Schotten!“ – Sätze wie diese bekommt die Gründerin in den Anfangstagen oft zu hören. Die Strategie, das Café zu einem Ort für alle Generationen zu machen, geht auf. „Morgens habe ich viele Frühstücksgäste, am späten Vormittag kommen immer wieder Schüler, wenn sie eine Freistunde haben, und abends nutzen viele Arbeitnehmer auf dem Heimweg die Gelegenheit, bei mir noch ein Gläschen Wein zu trinken“, erzählt die Café-Betreiberin. Da Carmen Bauer allein die Zwölf-Stunden-Tage und den Andrang nicht bewältigen kann, rekrutiert sie acht Aushilfen aus dem Ort: „Am Anfang war das ein ziemliches Gewusel, denn wir hatten ja sofort Hochbetrieb. Aber inzwischen haben sich die Abläufe eingespielt.“

Bei aller Arbeit – Zeit für die Familie muss sein
Auch wenn das Café an sieben Tagen die Woche jeweils zwölf Stunden geöffnet hat und die Chefin die meiste Zeit vor Ort ist, ist sie für ihre Kinder immer erreichbar: „Wir wohnen gleich um die Ecke, und wenn etwas ist, bin ich in fünf Minuten da.“ Als die Töchter, zehn und vierzehn Jahre alt, kurz nach der Eröffnung mit Grippe im Bett lagen, pendelte Carmen Bauer zwischen Café und Krankenbett: „Das ist der Vorteil eines eigenen Betriebs. Wenn ich außerhalb als Angestellte arbeiten würde, hätte ich diesen Freiraum nicht.“ Und wenn im Winter im Vogelsberg der Schnee gerade besonders schön ist, dann lässt die Café-Inhaberin auch schon einmal für kurze Zeit ihre Aushilfen den Laden schmeißen und geht mit ihren Kindern eine Runde Schlittenfahren. „Im Moment bin ich ja noch in der Aufbauphase, aber wenn alle Mitarbeiterinnen gut eingearbeitet sind, ist mein Ziel, zwei bis drei halbe Tage frei zu haben“, erklärt die Gründerin. Und bis dahin findet ein Teil des Familienlebens im Café statt, das für ihre Töchter, die regelmäßig vorbei kommen und gerne auch mal mithelfen, längst ein zweites Zuhause geworden ist.

Ein eigenes Unternehmen bietet vor allem für Mütter die Chance, sich ihre Arbeit flexibler einzuteilen und auch genügend Zeit für ihre Familie zu finden. Gerade hochqualifizierte Frauen sind immer weniger dazu bereit, Kinder und Beruf als Entweder-Oder-Frage zu betrachen, denn sie wollen beides – und als Selbstständige lässt sich dieser Wunsch sehr gut verwirklichen“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.

Für Carmen Bauer hat mit dem Café Zeitlos ein neuer Lebensabschnitt begonnen, der trotz trauriger Vorgeschichte in eine positive Zukunft weist. „Mir tut der Trubel im Café einfach gut, denn das macht mir die Situation erträglicher“, sagt die Unternehmerin und hält kurz inne, bevor sie wieder anfängt zu lächeln: „Von mir aus könnte das jetzt die nächsten zwanzig Jahre so weitergehen. Und vielleicht hat ja später einmal eine meiner Töchter Freude daran, den Betrieb fortzuführen.“





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