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Antje von Dewitz


Bundesland: Baden-Württemberg
Profil: Antje von Dewitz
Nachfolgerin
Vaude


Ich wollte schon immer etwas bewegen und die Dinge zum Besseren wenden – im eigenen Unternehmen kann ich das in besonders hohem Maße


Antje von Dewitz übernahm Anfang 2009 im Alter von 36 Jahren den von ihrem Vater gegründeten Outdoor-Ausrüster Vaude in Tettnang im Bodenseekreis / Gemeinsam machten sie das Unternehmen in einer mehrjährigen Vorbereitungsphase fit für die Übergabe

„Die Rolle der Chefin steht für mich nicht im Vordergrund. Mir ging es schon immer darum, in einer Position und einem Unternehmen zu arbeiten, wo ich möglichst viel bewegen kann“, sagt Antje von Dewitz und sprüht vor Energie. Dass sie einmal den 1974 von ihrem Vater in Tettnang im Bodenseekreis gegründeten Outdoor-Ausrüster Vaude übernehmen würde, war zwar immer schon eine Option, doch war für die engagierte Tochter auch seit jeher klar, dass sie mit ihrem beruflichen Tun vor allem etwas bewirken möchte. So entschloss sie sich zunächst zum Studium der Kulturwirtschaft und schnupperte im Rahmen verschiedener Praktika bei Zeitungen, dem Fernsehen und in kulturellen und politischen Institutionen nach einem möglichen Tätigkeitsfeld.

Das Praktikum im väterlichen Unternehmen spricht für sich
Richtig Feuer fängt Antje von Dewitz aber erst, als sie schließlich 1998 im väterlichen Unternehmen zum Praktikum antritt. „Ich hatte die einmalige Chance, sofort einen eigenen Produktbereich aufzubauen. Diese Aufgabe hat mich so richtig gefordert und ich habe sofort gespürt, dass ich hier wirklich etwas erreichen und bewegen kann“, erzählt die heute 36-Jährige voller Elan. Nach nur zwei Jahren im väterlichen Unternehmen ist für sie klar, dass sie das optimale Wirkungsfeld gefunden hat. „Ich hatte das Gefühl, ich bin angekommen“, sagt sie rückblickend. Der Vater zeigt sich erfreut, scheiden doch seine beiden anderen Töchter, die sich beruflich im Sozialwesen orientiert haben, als Nachfolgerinnen aus.

„Mittelständische Unternehmen bilden mit einem Anteil von 99,6 Prozent das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Jedes Jahr stehen rund 70.000 kleine und mittelgroße Firmen vor der Herausforderung, eine geeignete Nachfolgeregelung zu finden. Aus diesem Grund setzt die bundesweite gründerinnenagentur als einziges bundesweites Service- und Kompetenzzentrum zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen über alle Branchen und Phasen der Unternehmensgründung und -entwicklung Unternehmensübernahmen als eines der Schwerpunktthemen ihrer Arbeit. Unser Ziel ist es, potenzielle Unternehmensnachfolgerinnen sowie die Inhaberinnen und Inhaber von Unternehmen, die vor einer Übergabe stehen, zusammenzubringen, denn die stärkere Einbeziehung von Frauen in Unternehmensübernahmen trägt zur Sicherung von Arbeitsplätzen und damit des Wirtschaftsstandorts Deutschland bei“, so Iris Kronenbitter, Projektleiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga).

Entrepreneurship in Theorie und Praxis als optimale Vorbereitung auf die Übernahme des Unternehmens
Doch bevor Vater und Tochter das Übergabeszenario gemeinsam entwerfen, zieht es die neue Chefin in spe noch einmal in die Ferne. „Mein Lebensgefährte hatte gerade sein Studium beendet und suchte nach einem Berufseinstieg und ich hatte gerade unser zweites Kind zur Welt gebracht. Deshalb zog es uns nach Stuttgart, wo ich am Lehrstuhl für Entrepreneurship der Universität Hohenheim promoviert habe“, so Antje von Dewitz. Der Ausflug zurück in die Wissenschaft erweist sich für die angehende Nachfolgerin als Glücksgriff, denn der Lehrstuhl verfügt über ein hervorragendes Netzwerk zu mittelständischen Unternehmen, so dass die Studentinnen und Studenten, die von Dewitz als wissenschaftliche Mitarbeiterin betreut, an sehr praxisnahen Aufgaben arbeiten. „Hier wurden mir die Lösungen für typische Herausforderungen, die sich in einem Familienunternehmen stellen, quasi auf dem Silbertablett serviert und ich hatte zudem die Gelegenheit, ganz konkrete Fragestellungen, die uns bei Vaude beschäftigt haben, einzubringen“, sagt die Unternehmerin. Nicht zuletzt dank dieser guten Basis kann sie bei der Organisation der Übernahme weitgehend auf externe Beratung verzichten und zieht nur für die juristischen Fragen Experten zurate.

„Das Beispiel zeigt, welche Wirkungskraft von einer wissenschaftlich verankerten unternehmerischen Qualifikation ausgeht. Die bundesweite grünerinnenagentur setzt sich mit ihren Netzwerkpartnerinnen und -partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik deshalb dafür ein, im universitären Rahmen eine Entrepreneurship Education zu etablieren, die Hochschulabsolventinnen adäquat auf das eigene unternehmerische Engagement vorbereitet und sie zu Gründungen beziehungsweise Unternehmensübernahmen ermutigt“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.

Gute Organisation ist alles: Für die Übergabe nehmen sich Vater und Tochter drei Jahre Zeit
2005, Antje von Dewitz ist inzwischen mit ihrer Familie nach Tettnang zurück gekehrt, beginnen Vater und Tochter damit, das Unternehmen auf die für Anfang 2009 terminierte offizielle Übergabe vorzubereiten. „Wir haben eine prozessorientierte Organisation aufgebaut, die Geschäftsbereiche geordnet, neue Schnittstellen definiert und eine Führungskräfteentwicklung aufgebaut“, erzählt die Übernehmerin. Ihr Ziel: Die Strukturen des seit der Gründung stark gewachsenen Unternehmens neu auszurichten, so dass der einstige Gründer nicht mehr im Mittelpunkt stehen muss.

Während der Vater seine Kompetenzen vor allem im Produktbereich sieht, engagiert sich die Tochter gemäß ihren persönlichen Stärken hauptsächlich im Marketing und in der Organisation. „Gemeinsam mit den Mitarbeitern haben wir drei Jahre lang auf die Übergabe hingearbeitet und so gewissermaßen eine neue Struktur für das Unternehmen geschaffen“, sagt Antje von Dewitz und zeigt sich sehr zufrieden, dass durch das kooperative Vorgehen alle Beteiligten von Anfang an bestmöglich in den Prozess einbezogen wurden. Klare Strukturen auf der Ebene der Abteilungsleiter und in der Geschäftsführung sorgen für transparente Entscheidungs- und Kommunikationswege. Der Vater zieht sich peu à peu aus dem Tagesgeschäft zurück, übernimmt dafür einzelne Projekte und steht dem Unternehmen nach wie vor als Mitglied des neu installierten Beirats beratend zur Seite.

„Je klarer der Prozess einer Unternehmensübergabe geregelt ist, umso höher die Erfolgsaussichten. Die bundesweite gründerinnenagentur versteht sich mit ihrem umfassenden Netzwerk an Expertinnen und Experten als Ansprechpartnerin für an einer Übernahme interessierte Frauen und für vor der Übergabe stehende Unternehmen und steht ihnen bei der Ausarbeitung geeigneter Nachfolgeszenarien zur Seite“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.

Familieninterne Lösung für die Finanzierung der Übergabe
Für die Finanzierung der Übergabe entwickelt die Familie eine interne Lösung. Einige Jahre vor dem Vollzug der Übernahme hatte der Vater bereits allen drei Töchtern Anteile am Unternehmen überschrieben. Noch vor der formellen Übergabe erhält die übernehmende Tochter ein weiteres Anteilspaket. „Ich bin Hauptanteilseignerin und mein Vater ist ebenfalls weiterhin an Vaude beteiligt“, so Antje von Dewitz. In einer Zeit, in der die Wirtschafts- und Finanzkrise viele mittelständische Unternehmen in die Enge treibt, ist das eine Lösung, von der alle Beteiligten profitieren. Doch von Krisenstimmung ist man in Tettnang ohnehin weit entfernt. „Wir hatten 2008 eines der besten Geschäftsjahre in der Firmengeschichte und merken auch jetzt noch kaum Auswirkungen des wirtschaftlichen Abschwungs“, sagt die neue Vaude-Chefin voller Zuversicht.

Fröhlich und gelassen: 2009 wird die Übergabe formell abgeschlossen
Mit der offiziellen Übergabe des Unternehmens an Antje von Dewitz im Januar 2009 kommt der Umstrukturierungsprozess der letzten Jahre zum Abschluss. „Es ist ein irres Gefühl und ich bin in einer richtig guten Stimmung“, sagt die neue Geschäftsführerin fröhlich. Als Vorgesetzte von 420 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen aufgrund der familienorientierten Personalpolitik von Vaude nicht wenige in Teilzeit arbeiten, hatte sie genügend Zeit, in ihre neue Führungsrolle hineinzuwachsen. „Da ich als Nachfolgerin eine andere Stellung einnehme als mein Vater, musste ich meinen eigenen Weg finden. Wir hatten bei Vaude schon immer ein tolles Arbeitsklima, doch im Zuge der Neuordnung sind wir noch teamorientierter geworden“, sagt die 36-Jährige.

Mit ambitionierten Zielen die Familientradition fortführen
Für die Zukunft hat Antje von Dewitz große Pläne mit Vaude. Dabei greift sie das 30-jährige Engagement ihres Vaters gezielt auf und profiliert das bereits bestehende Portfolio durch ihre eigene Handschrift. „Eines meiner großen Ziele ist der Ausbau unserer Franchise-Stores, von denen wir in den nächsten Jahren 25 eröffnen möchten. Mir liegt sehr an der Markenentwicklung und an der Erweiterung unserer Bekanntheit“, sagt die Übernehmerin. Wenn es nach ihr geht, gehört Vaude in den kommenden fünf Jahren zu den Top 3-Outdoor-Marken in Europa, ein Anspruch, den das Unternehmen im Bereich der Zelte und Rucksäcke bereits heute erfüllt.

Auch im Umweltengagement, das seit der Unternehmensgründung ganz oben auf der Werteagenda von Vaude steht, will Antje von Dewitz neue Zeichen setzen. „Die Orientierung an Nachhaltigkeit und ökologischen Kriterien war für uns schon immer wichtig, aber wir haben sie früher nicht übermäßig kommuniziert“, so die neue Chefin. Das will die Marketingexpertin in Zukunft ändern, zumal Vaude hier in vielen Bereichen zu den Vorreitern gehört. So wurde der Outdoor-Ausrüster 2008 vom Land Baden-Württemberg mit einem Umweltpreis ausgezeichnet, besitzt die EMAS-Zertifizierung für vorbildliches Umweltmanagement und bringt im Frühjahr eine Taschenkollektion auf den Markt, die aus recycelten PET-Flaschen hergestellt wird. Außerdem trat das Unternehmen als erstes der europäischen Outdoor-Branche dem Bluesign-Standard bei, der für eine ökologische und gesundheitsorientierte Produktion steht. „Viele dieser Aktivitäten gehen auf das Engagement meines Vaters zurück und nun ist es an mir, diesen Ball bei der weiteren Positionierung von Vaude aufzugreifen“, sagt die Nachfolgerin.

Karriere und Familie sind kein Entweder-Oder
Bei allem Tatendrang fürs eigene Unternehmen gelingt es der Unternehmerin immer, auch noch genügend Zeit für ihre Familie zu finden und sich im Alltag Ruheinseln zu schaffen. Inzwischen hat die Unternehmerin vier Kinder, die natürlich in das Vaude-Kinderhaus gehen bzw. gegangen sind – eine Idee, die auf den Gründer zurück geht und von seiner Tochter schließlich umgesetzt wurde. „Ich habe eine tolle Schwiegermutter, die uns sehr unterstützt. Außerdem leisten wir uns eine Putzfrau und mein Lebensgefährte arbeitet gegenwärtig halbtags, um mehr Zeit für die Kinder zu haben und mir den Rücken ein wenig frei zu halten“, erzählt Antje von Dewitz zufrieden. Und wenn es dann am Wochenende mit der Familie in die Berge geht, werden die Ausflüge zur perfekten Symbiose aus Arbeit und erfülltem Privatleben, denn ganz nebenbei kann die Chefin hier die neuesten Vaude-Produkte auf ihre Einsatzfähigkeit prüfen. „Als Unternehmerin sollte man authentisch sein“, sagt Antje von Dewitz und ihr frisch-fröhliches Naturell lässt erahnen, dass diese Offenheit viel zu ihrem Erfolg beiträgt.

Zur Unternehmenswebsite: www.vaude.com




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